Der Homeless World Cup - die soziale Straßenfußball-Weltmeisterschaft

Matchszene HWC Chile

Was wurde aus...

Der Homeless World Cup verlangt vom Regelment her jedes Jahr neue Spieler. Somit beginn jedes Jahr das Auswahlverfahren von vorne, Sichtungsatrainings, Trainingslager, Vorbereitungsturniere,...bis am Ende die 8 Spieler - und seit 2019 auch 8 Spielerinnen-  feststehen, die Österreich beim Homeless World Cup vertreten.

Welch einschneidendes Erlebnis diese Turnierteilnahme für Spielerinnen und Spieler in schwierigen Lebenssituationen bedeutet, untersucht der Homeless World Cup schön längere Zeit systematisch. So gelingt z. B. durch die Turnierteilnahme 83% der Aussteig aus sozialer Isolation und für 77 % verbessert sich die Lebenssituation signifikant. Wir haben für unsere Teams 2019 einen Wert von 86 %, die angeben, dass ihr Leben durch die Turnierteilnahme besser wurde und 93 % machen auch nach dem HWC weiterhin regelmäßig Sport.

Wir starten hier nun eine Serie, bei der wir aber die Gesichter hinter diesen Zahlen ins Rampenlicht stellen wollen. Was wurde aus unseren Spielerinnen und Spielern nach der Turnierteilnahme am Homeless World Cup, wie hat sich ihr Leben weiterentwickelt, wie geht es ihnen heute? Lesen sie hier die Portraits von spannenden Lebenswegen - viel Vergnügen!

...Ehsan Nawabi??

Es war der Jänner 2012, als der junge Afghane Ehsan Nawabi als Flüchtling nach Österreich kam. Nicht zuletzt aufgrund seines großen Kommunikationstalents hat er auch sehr früh dann bereits von unserem Projekt erfahren, war aber als Asylwerber [Anm.: für Asylwerber bekommen wir aus juristischen Gründen keine Reisepapiere, weshalb sie nicht am Homeless World Cup teilnehmen können, obwohl es vom Turnierregelment her möglich wäre.] in seinem ersten Jahr noch nicht spielberechtigt. Er wurde relativ bald nach seiner Ankunft in Österreich nach Graz verlegt, wo er im Flüchtlingsquartier Demiri wohnte. Dies war auch der Gründungsort des FC Hadaf. Dieses Hobbyfußballteam gründete Ehsan 2012, um an einem Futsalturnier teilnehmen zu können. “Ich muss immer etwas machen, sonst wird mir langweilig”, beschreibt er selbst seine damalige Situation. “Und man braucht Ziele im Leben, drum heißt das Team auch FC Hadaf, weil Hadaf in meiner Sprache Ziel bedeutet.” Und so kam es, dass er – nachdem er in der Zwischenzeit subsidiären Schutz bekommen hatte und damit Aussicht auf Ausstellung eines Fremdenpasses bestand – nicht allein zum Sichtungstraining für das Homeless World Cup Nationalteam 2013 kam, sondern gleich ein paar seiner Freunde vom FC Hadaf mitbrachte. Im Auswahlverfahren machte Ehsan dann das Rennen und ging somit mit 7 weiteren Spielern auf die Reise nach Polen zum Homeless World Cup 2013 in Poznan. “Es gibt so viele Leute, die das machen könnten, aber ich habe es geschafft und war dabei. Ich habe in meiner Zeit im Homeless World Cup Team gelernt, dass man selbst aktiv sein muss, dann kann man vieles schaffen. Außerdem habe ich viel Respekt gesammelt vor Leuten aus der ganzen Welt und viele Freunde kennengelernt.” Es sind dies aber nicht nur Mitspieler aus unserem damaligen Team, denn auch mit unseren Teamguides Anja und Olga hat er genauso noch Kontakt wie auch mit Spielern aus den USA und Bulgarien. Erst seit er aus diversen Gründen seine private Facebookseite abgemeldet hat, seien diese internationalen Kontakte aber schwerer aufrecht zu erhalten berichtet Ehsan.

Ehsan als Spieler im Match gegen Rumänien beim Homeless World Cup in Poznan 2013

Beachtlich ist auf jeden Fall der Weg, den Ehsan seit seiner Teilnahme am Homeless World Cup genommen hat. Im Jahr 2014 hat er die Zelte in Graz abgebrochen und ist nach Wien gegangen, um als Flüchtlingsbetreuer zu arbeiten. In einem Flüchtlingsquartier in Erdberg, aber vor allem im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen hat er dann in anderer Rolle wieder sein erstes Quartier aus seiner Zeit in Österreich betreten. “Ich kommuniziere ja gerne und außerdem sind mir dort meine Sprachkenntnisse sehr zugute gekommen”, weshalb ihm der Job leicht gefallen sei. Und so nebenbei hat Ehsan dabei immer seinen FC Hadaf organisiert, mit neu angekommenen und schon länger in Österreich lebenden Flüchtlingen an diversen Hobbyturnieren teilgenommen. Dieser FC Hadaf und Ehsans angesprochenes Kommunikationstalent waren es auch, die den Kontakt zwischen ihm und unserem Projekt Homeless World Cup Österreich nie abreißen ließen. So war der FC Hadaf Fixstarter beim alljährlichen Goal Open und stellte auch immer wieder Spieler für das Homeless World Cup Nationalteam. 2017 haben wir dann gemeinsam mit der Homeless World Cup Foundation einen Streetsoccer-Schiedsrichterkurs angeboten und es war wenig überraschend, dass Ehsan eine der ersten Anmeldungen dafür war. So schlug er dann auch noch die Schiedsrichterlaufbahn ein, war beim European Street Football Festival in Graz 2018 ebenso als Unparteiischer im Einsatz wie auch beim Wroclaw Cup in Polen im selben Jahr.

Ehsan als Schiri beim European Street Football Festival am Grazer Hauptplatz 2018

Im Jahr 2018 ist er auch nach Graz zurückgezogen, wo er inzwischen mit seiner Frau in ihrer gemeinsamen neuen Wohnung lebt. Über unsere Vermittlung ist er nun beim Hauptsponsor unseres Frauenteam, den a&o Hostels, in deren Haus in Graz als Rezeptionist geringfügig tätig und arbeitet dazu noch Vollzeit in einem Supermarkt. “Meine Frau macht noch Deutsckurse, um dann einen besseren Job zu bekommen, drum arbeite derzeit eben ich mehr” meint er. So bleibt aktuell zwar weniger Zeit für den FC Hadaf und um selbst Fußball zu spielen, aber als Hobby und ein paar Turniere geht das schon noch, wobei er die Teilnahme am Stammtischcup [Anm.: musste heuer leider auch abgesagt werden.] und beim Harald Schmied-Gedenkturnier als Saisonziele nennt.

Wenn er an sein schönstes Erlebnis beim Homeless World Cup zurückdenkt, packt er eine spannende Episode aus. So haben ein paar Spieler vor allem vom Balkan oder auch aus Polen einerseits beim Vorbereitungsturnier in Wroclaw, aber auch beim Homeless World Cup selbst, unser Team ausgepfiffen, die Gegner lautstark angefeuert. Er habe dann versucht, mit diesen Spielern in Kontakt zu kommen und als Antwort bekommen, dass sie Österreich eben einfach nicht mögen. “Aber wir sind freundlich geblieben, haben einfach weiter Fußball gespielt und es war schön, wie wir uns mit dem Sport Respekt verschafft haben. Am Ende des Turniers gabs überhaupt keine Probleme mehr, haben wir uns alle super verstanden.”

Zum Abschluss gibt es für Ehsan noch die Frage nach einem Wunsch für die Welt: “Man hat immer viele Wünsche. Aber wenn ich so konkret gefragt werde, würde ich sagen, eine Welt ohne Grenzen! Ich habe auch das beim Homeless World Cup gesehen: vorher hatte ich keine Reisepapiere, konnte nichts bekommen. Dann durch den HWC war ein Fremdenpass möglich und auf einmal konnte ich reisen – vorher einfach unmöglich! Und einen Wunsch hänge ich noch an: eine Welt ohne Rassismus!”

Wir gratulieren dem umtriebigen Ehsan zu seinem spannenden Lebensweg und freuen uns, ihn mit seinem FC Hadaf und auch als Schiedsrichter weiterhin aktiv in unserem Projekt dabei zu haben!

"Willkommen im a&o Graz-Hauptbahnhof" durch Rezeptionist Ehsan.